MS EUROPA auf Eis-Fahrt – im Prins Christian Sund

MS EUROPA auf Eis-Fahrt. Der grönländische Winter 2014/2015 war hart, entsprechend eisreich sind die Gewässer rund um die größte Insel der Welt. Dennoch wagt sich der Kapitän der EUROPA an die Passage durch den spektakulären Prins Christian Sund. Wird es gelingen, als erstes größeres Schiff in dieser Saison die natürliche Wasserstraße zu passieren?

Datum: 30.08.2015
Tags: #mseuropa #eisberge

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von Kapitän Mark Behrend (Text und Fotos)


MS EUROPA auf Eis-Fahrt – im Prins Christian Sund. Heute dann der Nebel. Wahrscheinlich muss man doch irgendwie für einen solch unglaublichen Tag wie gestern bezahlen. Als erstes größeres Schiff hat die EUROPA in dieser kalten Saison den Prins Christian Sund passiert. Die rund 100 Kilometer lange Wasserstraße vor Grönland verbindet die Labrador- mit der Irmingersee. Nach einem bemerkenswert kalten Winter – in manchen Landesteilen hier der kälteste seit 50 Jahren – war das eine besondere Leistung. Was ein Tag!

Morgens, noch vor dem erwarteten Eisgürtel vor der Einfahrt in den Prins Christian Sund, sehen wir Blase. Erst Mink-, dann Finnwale, zusammen mit einem Blauen. Erste Gänsehaut-Momente eines daran reichen Tages. Dann die Ansteuerung: Es gibt viel Eis, sehr viel Eis. Auf der Brücke wird wenig gesprochen, manchmal sagen Blicke alles: „Noch ein paar Meter weiter? Oder doch umdrehen?“ Und die Frage: „Was, wenn wir durch den Eisgürtel durch sind? Wie ist die Eislage im Sund selbst?“


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Das laute Rumpeln irritiert einige Passagiere. Doch die Schläge kommen nicht von den kleineren Eisbrocken, sondern von der Dünung gegen das elegante, aber hierfür nicht optimale Heck. Mit immer langsamer werdender Geschwindigkeit tasten wir uns voran. Fünf Knoten. Vier Knoten. Drei Knoten. In der Annäherung an die Eisbarriere, ist der Küstenstrom am Ende stärker, als unsere eigene Geschwindigkeit. Die letzte Meile durch das raschelnde Eis scheint nie enden zu wollen. Dann endlich schieben wir uns aus diesem ostgrönländischen Eiscocktail heraus in den Sund.

Die Einfahrt sieht gut aus. Imposante Berge, ansonsten freie Fahrt! Bis wir den bottleneck erreichen, die engste Stelle der Prins Christian Sund. Wieder heißt es Bangen und Hoffen. Vielleicht-Situationen zermürben am meisten, Ungewissheiten. Und ich erinnere mich an viele Jahre Eisfahrten auf BREMEN und HANSEATIC. Aber was kann ich von diesen speziellen Expeditionsschiffen auf die EUROPA übertragen? Grenzen erkennen, verschieben, ohne zu überziehen! Theorie und Realität treffen im Minutentakt aufeinander. Schweißperlen sind bei Temperaturen von 10-12 Grad deutlich angenehmer zu ertragen. Das Schiff läuft weiter… Meter für Meter. Die EUROPA ist ein gutes Schiff. Und wieder bewahrheitet sich die Regel im Eis: langsame Fahrt, hinfahren, anschauen und entscheiden.


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Genau in der engsten Passage des Sundes treffen wir auf eine Eisbarriere. Größere Brocken als am Morgen, nah an der Bordwand. Die Strömung nimmt zu. Wieder vorhalten. „Langsaaaam – aber auch nicht zu langsam!“ Beim Blick hinunter in das kristallklare Wasser zeigt sich die ganze Dimension dieser gewaltigen Eisberge. Das Blau aus der Tiefe ist Faszination und Warnung gleichermaßen.

Im Mittelteil der Enge nimmt das Eis ab. Doch die Augen sind auf das Voraus gerichtet; keine Zeit sich auszuruhen. Kleine Eisberge sammeln sich vor dem Ausgang, machen uns deutlich, wer hier schon vor Urzeiten diese Straßen und Trassen durch die ältesten Gesteine der Erde angelegt hat. Wir zweifeln keine Sekunde am Hausrecht. Im vergangenen Jahr war der Sund komplett eisfrei. In der Stille dieser übermächtigen Natur vermeint man ein grollendes, leicht hämisches Lachen gegenüber solchen Gedanken zu hören. Doch wir finden unsere Geduld wieder. Am Ende addieren sich Meter zu Kilometern, werden Minuten zu Stunden.

Alle Hoffnungen auf einen surprise call in Augpilaqtoq scheinen zerstoben. Dafür, so das Gefühl des Teams auf der Brücke, hat die Passage viel zu lange gedauert. Und doch wird diese Frage in aller Unschuld gestellt. „Unmöglich“, lautet die reflexartige Antwort, „Wir haben zu viel Zeit verloren.“ Doch dann beginnt wer zu rechnen, das Wetter abzuschätzen, Reserven werden ins Kalkül gezogen. „Ja, vielleicht reicht die Zeit doch. Wir probieren es!“


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Schließlich liegen wir doch nur 30 Minuten hinter dem Zeitplan. Es bleiben also zweieinhalb Stunden um 160 Gäste mit den Zodiacs an Land und wieder zurück zu bringen. Dafür mussten Wachen getauscht und Dienste verschoben werden. Ein solches Manöver so durchzuführen, gelingt nur mit einer eingespielten und motivierten Besatzung. Wir haben eine. Und das macht Stolz!

Die Ausfahrt aus dem westlichen Teil dieser anspruchsvollen Wasserstrasse erleben die meisten Gäste beim Abendessen. Manche verweilen aber auch an Deck, im hoffnungslosen Bestreben, sich „satt“ zu sehen. Um 21.30 Uhr dann die für uns auf der EUROPA noch etwas ungewöhnliche Informationsform des ReCaps, danach das Showprogramm. Zum Sonnenuntergang gegen 23 Uhr finden sich dann noch einmal einige Gäste an Deck ein. Ein langer Tag neigt sich dem Ende zu. Der Blick geht voraus, wo fast genau im Norden, die Sonne tief über dem Wasser hängt.

Wer sagt eigentlich, dass Eisberge immer weiß sein müssen? Sie können genau so Feuer fangen wie der Himmel, das Meer und wir.


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Hier finden Sie Informationen zur Reise der EUROPA „Abenteuer Eismeer“. Und hier finden Sie die nächsten Reisen mit der EUROPA in den arktischen Norden.

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