MS HANSEATIC: Expedition Kurilen und Kamtschatka – die Asche-Wolke

MS HANSEATIC: Expedition Kurilen und Kamtschatka – die Asche-Wolke. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel über dem Expeditionsschiff. Eine seltsame Wolke liegt über der HANSEATIC, schwer, rötlich-grau, in etwa zwei bis drei Kilometern Höhe. Was hat es damit auf sich? Wo kommt sie her? Lektor Steffen Graupner beginnt mit der Ursachenforschung – die führt zu den Strato-Vulkanen Kamtschatkas

Datum: 02.10.2016
Tags: #mshanseatic #expeditionen #vulkan
Kamtschatka

von Steffen Graupner (Text und Fotos)


MS HANSEATIC: Expedition Kurilen und Kamtschatka – die Asche-Wolke. Über Mittag, wenn all die Aktivitäten der ersten Tageshälfte auf der HANSEATIC für zwei Stunden ein wenig zur Ruhe kommen und die Gäste nach der ersten abenteuerlichen Naturanlandung ihr Essen genießen, ist mein Lieblingsplatz die Brücke. Die arbeitsame Stille wird nur von gelegentlichen Anweisungen des wachhabenden Offiziers an die Matrosen unterbrochen; ich kann die Lichtstimmungen über dem Beringmeer genießen, den Gedanken nachhängen und am Tisch steuerbords konzentriert arbeiten.

„Meine Meteorologievorlesungen in Bremen sind zwar schon ‘ne Weile her“, ruft in die Stille plötzlich der Navi, der Navigationsoffizier, „aber an solche Wolken kann ich mich nicht erinnern!“ Zunächst schenke ich der Bemerkung noch keine besondere Aufmerksamkeit. Der Navi will sein Wissen auffrischen, blättert derweil in einem alten Lehrbuch: „Neeee, solche Wolken gibt’s da auch nicht!“

Ich setze mich auf den Aussichtshocker hinterm frontseitigen Panoramafenster. So eine Wolke habe auch ich noch nie gesehen. Eine rötlich-graue unscharf begrenzte Wolke hat sich vor die Sonne geschoben, bedeckt den Himmel ums Schiff herum zu etwa drei Vierteln. Die Höhe der Wolkenunterkante schätze ich auf zwei bis drei Kilometer. Eigenartiges Licht umhüllt uns. Es ist zwar nicht wirklich dunkel geworden, aber es gelangt deutlich weniger Sonne aufs Meer und erzeugt eine befremdliche Stimmung von Dämmerung. Es scheint, als wären auf einmal alle Vögel weg oder komplett still. Ich habe ein solches Licht nur einmal erlebt – bei einer Sonnenfinsternis, und zwar in der Stunde vor der eigentlichen Totalität, wenn alles ruhig wird wie, als ob jemand den Vorhang im Theater langsam zuzieht.


Kamtschatka


Aber jetzt hier eine Sonnenfinsternis? Das kann nicht sein. Davon wüssten wir ja seit langem. Also Sonnenfinsternis scheidet als Ursache schon mal aus, und außerdem ist ja nicht nur die Sonnenscheibe verdunkelt, sondern fast der ganze Himmel mit einer riesigen Wolke. Was ist dann die Ursache?

Ich habe einen Verdacht. Den zu überprüfen, gehe ich von der Brücke durch die geöffnete Tür hinaus auf die Nock, lasse den rechten Zeigefinger über den hölzernen Handlauf des Geländers gleiten. Ein schmaler Saum von weißlich-grauem Pulver haftet an der Fingerkuppe. Ich gehe wieder auf die Brücke und zeige den Finger dem Navi. Der blickt mich fragend an. Ich nehme eine Kostprobe von dem Pulver. Jetzt schaut der Navi völlig entgeistert: „Seid Ihr Lektoren nun völlig verrückt geworden?“ Dann beeilt er sich nachzuschieben: „Also eigentlich haben die Matrosen heute alles gereinigt, Dreck sollte das nicht sein!“

Dreck ist es auch nicht. Die Probe schmeckt salzig. Nach dem Salz der Gischt, die über die HANSEATIC zieht. Aber dann ist da noch etwas. Nachdem sich das Salz im Mund aufgelöst hat, bleibt ein Knirschen zwischen den Zähnen. Wie bei Sand. Sehr feinem Sand. Asche! Sind wir gerade Zeuge eines Vulkanausbruchs geworden?

Ich scanne mit dem Fernglas alle Vulkane an Land, kann aber keine Aktivität erkennen. Wir segeln etwa 10 Meilen vor der östlichen Küste Kamtschatkas nach Süden, passieren dabei im Laufe von vier Tagen alle 30 aktiven Vulkane. Aber hier ist kein Vulkan aktiv. Also schnell die Emails checken und siehe da, es liegt Post mit dem Betreff „VONA“ im Postfach, Absender KVERT.

KVERT steht dabei für „Kamchatka Volcanic Eruption Response Team“ und VONA bedeutet „VOLCANO OBSERVATORY NOTICE FOR AVIATION“. Es ist eine Abteilung des Instituts für Seismologie und Vulkanologie in Petropawlowsk, die sich mit der Aktivitätsüberwachung der Vulkane Kamtschatkas beschäftigt. Ein Netzwerk von Seismometern, Neigungsmessern, Webcams, Messgeräten zur Gasanalyse etc. haben die Kollegen um Dr. Olga Girina an den verschiedenen Vulkanen installiert.

Neben Grundlagenforschung geht es dabei vor allem um Frühwarnung. Weniger für die wenigen Menschen auf Kamtschatka selbst – gerade einmal 300.000 bevölkern eine Fläche, anderthalb mal so groß wie Deutschland. Und die allermeisten leben in der Hauptstadt Petropawlowsk. Für deren Sicherheit reicht es völlig aus, die Haus-Vulkane Korjakskij und Awatschinskij zu überwachen. KVERT wurde gegründet, um die Gefahr von Ascheeruptionen für den Flugverkehr im Nordpazifik zu evaluieren. Spätestens, seit der Eyjafjallajökull, ein kleiner Vulkan in Island, vor einigen Jahren den Flugverkehr in Europa für Tage lahmgelegt hat, wissen wir, wie wichtig das ist.


Kamtschatka


Hier im Nordpazifik betrifft das vor allem die Flugrouten zwischen Japan/Korea und Nordamerika und folglich ist diese Arbeitsgruppe in Kamtschatka auch von den USA mitfinanziert. Einmal wöchentlich gibt KVERT ein Bulletin heraus, in dem die 30 aktiven Vulkane nach einem Ampelsystem GRÜN-GELB-ORANGE-ROT in ihrer Aktivität klassifiziert werden. GRÜN bedeutet dabei: alles ruhig; ROT, dass ein Ausbruch stattfindet, ORANGE, dass er unmittelbar bevorsteht. Werden darüber hinaus einzelne Vulkane aktiv und senden Aschewolken so weit in die Atmosphäre, dass sie eine Bedrohung für den Luftverkehr darstellen könnten, gibt es eine Luftverkehrswarnung.

Eine solche liegt nun im E-Mail-Fach. In ihr lese ich, dass der Vulkan Kljutschewskij vor einigen Stunden eine Ascheeruption in acht Kilometer Höhe geschossen hat. Der Kljutschewskij ist mit 4750 Metern Höhe der größte Stratovulkan der Erde und gleichzeitig der größte Vulkan Kamtschatkas. Und für mich persönlich auch eine wundervolle Erinnerung an eine Bergbesteigung vor 13 Jahren mit Freunden.

Ich bitte den Navi, mir die Übersegler-Karte (eine spezielle See-Karte) herauszusuchen, und gemeinsam sehen wir, dass wir derzeit ca. 70 Meilen südöstlich vom Kljutschewskij segeln. Mit dem starken Wind aus Nordwest und der Eruptionszeit passt das ins Bild. Obgleich wir den Kljutschewskij selbst gar nicht sehen können, und die Eruption schon vor einigen Stunden stattgefunden hat, sendet er uns einen direkten Gruß, den der Wind über die HANSEATIC verdriftet hat. Und für die nächsten Tage verspricht uns die Restasche in der Atmosphäre spektakuläre Sonnenauf- und untergänge.

Voller Begeisterung mache ich eine Durchsage für unsere Passagiere. Viele kommen an Deck, um dieses seltene Naturschauspiel zu bewundern. Manche machen auf meine Empfehlung hin auch eine „Kostprobe“ der salzigen Asche. Danach sind die Geländer fast wieder blank…


Kamtschatka



MS HANSEATIC: Expedition Kurilen und Kamtschatka. Hier finden Sie weitere Informationen zur aktuellen Reise. Und dieser Link führt zur Expedition Kamtschatka und Kurilen 2017 mit MS BREMEN.

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