Expedition Nordostpassage: Ein Seeweg wird entdeckt – das Abenteuer der VEGA

Am 13. August startet die HANSEATIC eine Weltpremiere: Als erstes nicht-russisches Passagierschiff wird sie die Nordostpassage befahren – den legendären Seeweg zwischen Beringmeer und Barentssee. Es ist eines der großen Abenteuer der Seefahrt. Im PASSAGEN BLOG begleiten wir die Reise mit Hintergrundinformationen und aktuellen Berichten von Bord. 1. Teil: Die Entdeckung des Seewegs durch Adolf Erik Nordenskjöld

Datum: 13.08.2014
Tags: #entdecker #vega #nordenskjöld

Abenteuer Nordostpassage Grafik neu

Die Nordostpassage – der sagenumwobene Seeweg durch das Nordpolarmeer. Viele Entdecker haben danach gesucht, die erste Durchfahrung dauerte mehr als ein Jahr. Die HANSEATIC wird Neuland entdecken auf ihrer Expeditionsreise von Alaska nach Norwegen. Für den PASSAGEN BLOG berichtet ein Team von Bord

Tromsoe_©SusanneBaade_pushreset

Die Stadt, die nie schläft: Im Sommer geht in Tromsø die Sonne nicht unter. Dieses Foto des Hafens, der heute noch Ausgangspunkt vieler Expeditionen ins Nordpolarmeer ist, entstand um 2 Uhr nachts

von Dirk Lehmann

Mehr als 100 Menschen stehen an der Kai-Mauer, winken, jubeln, wünschen Glück. Und als sich die zwei Schiffe langsam aus dem Hafenbecken schieben, laufen einige Erwachsene und viele Kinder noch eine Weile mit. Bis auch sie winkend stehen bleiben. Ein Hauch von Ungewissheit in der Luft: Was werden die nächsten Monate bringen? Wird diese Reise gelingen?

Wir schreiben den Sommer 1878. Es ist recht warm nördlich des Polarkreises, ein schöner Wind weht. Und immer kleiner erscheint nun Tromsø hinter dem Heck, „Paris des Nordens“ wird die Stadt genannt. Adolf Erik Nordenskjöld löst sich von dem Anblick. Er kennt das wahre Paris, hat da bereits Vorträge gehalten über seine Reisen in die Eiswelt der Arktis. Die Menschen waren fasziniert von seinen Berichten und Bildern. Ihn wiederum beeindruckten die Pläne, in der Stadt anlässlich der Weltausstellung einen gigantischen Turm aus Eisen zu errichten. 300 Meter hoch!

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Das alte Bild der Erde: Die zeitgenössische Zeichnung zeigt Tromsø in jenen Jahren, das handkoloriertes Foto die VEGA

Das „Paris des Nordens“ ist nun nicht mehr zu sehen. Selbstverständlich hat Tromsø nur wenig vom Glanz der französischen Metropole. Doch wer nach langer einsamer Segelfahrt entlang der norwegischen Küste einläuft in den Hafen der Stadt mit ihrer hoch aufragenden Kirche und den mehrstöckigen Häusern, mit ihren breiten Straßen und dem bunten Treiben darauf, dem wird man jede Übertreibung verzeihen. Tromsø ist ein geschäftiger Expeditionsort, man lädt Lebensmittel und Ausrüstungsgegenstände. Man trifft erfahrene Seeleute, mit denen man sich austauschen kann über die Eisverhältnisse.

Viele große Entdecker haben sich von diesem Hafen aufgemacht. Und auch Nordenskjöld ist nicht das erste Mal hier. Adolf Erik Nordenskjöld hat zwischen 1858 und 1868 an diversen Expeditionen teilgenommen oder sie gar geleitet. Es waren Fahrten bis hinauf nach Spitzbergen und Grönland, er erkundete die Treibeiskante und lotete Meerestiefen aus von bis zu 4800 Metern, Dimensionen wie man sie seinerzeit eher in das Science Fiction-Reich eines Jules Verne verortet hatte. Und er kam mit dem Expeditionsschiff SOFIA dem Nordpol so nahe wie zuvor kein anderer.

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Der alte Mann und das Eismeer: Das Ölgemälde zeigt den Entdecker Nordenskjöld als Held im Fellkragenmantel mit Fernglas und Spazierstock. Die arktische Wirklichkeit sah eher so aus – man trug Hightechkleidung aus Seehundfell

Aber er musste auch Fehlschläge hinnehmen. Seine Nordpolexpedition scheiterte. Seine ersten Fahrten nach Sibirien waren eher mäßig erfolgreich. Dennoch glaubt der Wissenschaftler fest daran, dass es einen Seeweg gebe von der Barentssee in die Beringstraße, von Norwegen nach Alaska, es treibt ihn die Sehnsucht nach der „Nordostfahrt“.

Die Nordostpassage fasziniert seit dem 16. Jahrhundert. Doch englische und niederländische Seefahrer scheitern im Packeis. Russische Robbenjäger bringen Kunde von Inseln jenseits aller bekannten Karten, von Menschen, die leben wie die Eskimos. Und sie bestärken Nordenskjöld darin, das „völlig unerforschte sibirische Eismeer“ erkunden zu wollen – auf der Suche nach einem Seeweg für eine „Umseglung der Alten Welt“.

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Unter aufmerksamen Eisbären-Blicken: die Expeditionsschiffe LENA und VEGA in Fahrt, die VEGA ankernd

Der in Finnland geborene Wissenschaftler ist seit 1858 – im Alter von nur 26 Jahren – Professor für Mineralogie in Stockholm. Er hat seither an allen Arktisexpeditionen Schwedens teilgenommen, die letzten beiden sogar geleitet. Und schließlich König Oskar von Schweden überzeugen können, eine neue Expedition auszurüsten, die sich auf die Suche machen soll nach der Nordostpassage. Vier Schiffe stehen unter seinem Kommando: Die FRASER und die EXPRESS sollen an der Mündung des Flusses Yenisej eine Art Relaisstation sein, an der sich die beiden Hauptschiffe LENA und VEGA mit Lebensmitteln und Ausrüstungsgegenständen versorgen.

Bis dahin verläuft die Reise verblüffend reibungslos. Und auch ab dem großen russischen Strom kommen die Schiffe gut voran. Die Wissenschaftler an Bord der VEGA machen Aufzeichnungen, messen Temperaturen und Wassertiefen, beschreiben die „Ureinwohner Westsibiriens“ und das Polarlicht, entdecken Mammut-Knochen und beginnen mit einer Klassifizierung von Eis in sechs Kategorien. Ab dem hohen Norden wird es eine einsame Reise, die Seeleute begegnen keiner anderen Menschenseele. Das ändert sich erst auf der Tschuktschen-Halbinsel, wo sie mit den Einheimischen Handel betreiben. Und den Eindruck haben, die ersten Europäer in diesem Teil der Welt zu sein. Da endet Nordenskjölds bisher so erfolgreich Fahrt jäh.

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Nordostpassage_VegaWeihnachten_historisch   Nordostpassage_VegaMannschaft_historisch

Zehn Monate Winter: Im September friert die VEGA ein, bis zum nächsten Sommer. Die Mannschaft vertreibt sich die Zeit an Bord, man feiert gemeinsam Weihnachten und posiert für eine Gruppenaufnahme

Heute wissen wir, wie nah das Schiff schon im September seinem Ziel war. Nur noch wenige Seetage fehlten und die VEGA hätte die meist länger eisfreien Gewässer der Beringstraße erreicht. Doch das Wetter verschlechterte sich rapide, und innerhalb weniger Tage gab es kein Vorankommen mehr. Die Mannschaft muss im Eis überwintern. Fast zehn Monate liegt die VEGA fest, ehe sie im Juli 1879 ihre Reise fortsetzen kann. Bereits zwei Monate später erreicht Nordenskjöld mit seiner Mannschaft Japan.

Der wahre Triumph der Entdeckung wird erst im Frühjahr 1880 gefeiert, so lange dauert es, bis VEGA zurück nach Stockholm kommt, rund zwei Jahre nach der Abfahrt. Der Entdecker und Schriftsteller Sven Hedin beschreibt die Ankunft. „Die ganze Stadt war illuminiert. Die Häuser rings um den Hafen flammten im Schein unzähliger Lampen und Fackeln. Mit meinen Eltern und Geschwistern stand ich auf den Bergen von Södermalm. Größte Spannung hatte mich erfasst. Mein ganzes Leben lang werde ich an diesen Tag zurückdenken, er wurde entscheidend für meinen künftigen Weg. Von Kais, Straßen, Fenstern und Dächern dröhnte donnernder Jubel. `So will ich einst heimkommen´, dachte ich.“

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Forschungsarbeiten: Das Nordlicht wird beobachtet und genau beschrieben

Und doch blieb die Entdeckung des Seeweges bis weit in unsere Zeit ohne Konsequenzen. Seit 2008 ist die Nordostpassage so eisfrei, dass Handelsschiffe in Begleitung großer Eisbrecher den nördlichen Seeweg nutzen können. Wirtschaftlich könnte es sich lohnen, verkürzt sich doch dadurch die Strecke von Tokio nach Rotterdam von rund 21.000 Kilometer durch den Suezkanal auf „nur“ 14.000 Kilometer. Doch noch machen sich nur wenige Schiffe an die große Nordostfahrt.

Die HANSEATIC ist das erste nicht-russische Passagierschiff. Seit Jahren laufen die Vorbereitungen für diese Reise, die eine Weltpremiere sein wird, und die bereits seit Monaten ausverkauft ist. Am 13. August 2014 geht es los. Für den PASSAGEN BLOG wird ein ganzes Team von Autorinnen und Chronisten die Expedition beschreiben. Wir werden mit ihnen fiebern.

Die Illustrationen entnahmen wir dem Buch “The Voyage of the Vega round Asia and Europa, Volume I and Volume II” von Adolf Erik Nordensjklöld, man kann es als eBook über das Gutenberg Projekt downloaden.

Auf der Übersichtsseite finden Sie alle weiteren Berichte zur Weltpremieren-Reise der HANSEATIC durch die Nordostpassage.

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