Symposium auf See: Experten diskutieren den Klimawandel

Jubiläumsreise von Hamburg nach Montreal: An Bord der EUROPA debattieren zum "Symposien auf See" namhafte Experten in mehreren Vorträgen die Erderwärmung. Unter ihnen Wissenschaftler wie Martina Klärle und Mojib Latif, aber auch bekannte Journalisten wie Franz Alt und Klaus Liedtke. Mit letzterem haben wir ein Interview geführt und wollten wissen, was ihm am meisten Mut gemacht hat...

Datum: 08.10.2014
Tags: #kanada #mseuropa #expeditionen #island #symposiumanbord #klimawandel #engagement

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Bunte Holzhäuser und eisige Höhen: Nuuk ist die Hauptstadt Grönlands, eine “Metropole” mit 16.000 Einwohnern (ein Klick ins Bild öffnet die Fotos des Artikels in einer Dia-Show)

Ein Interview von Dirk Lehmann mit Fotos von Mark Behrend, Kapitän der EUROPA

Kreuzfahrt und Klimawandel. Eine Debatte, bei der manche Faktoren meist nicht berücksichtigt werden: Etwa, dass die überwiegende Mehrheit der Schiffe auf den Weltmeeren Fracht- und Containerschiffe sind, sie bilden das Rückgrat unserer auf Im- und Exporte basierenden Wirtschaftsordnung. Von rund 50.000 Seeschiffen zählen nur rund 400 zu den Kreuzfahrtschiffen.

Ein Kreuzfahrtschiff ist allerdings viel mehr als nur ein Transportmittel – es ist Hotel, Restaurant, Fitnessstudio, Theater, etc. Zudem gelten für Kreuzfahrtschiffe bereits weitaus schärfere Auflagen als für Landhotels. All diese Faktoren müssten bei der Bewertung des Carbon Footprints eines Kreuzfahrtschiffes herangezogen werden.

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Dennoch stellt sich Hapag-Lloyd Kreuzfahrten der Debatte um den Klimawandel. Zur Jubiläumsreise der EUROPA wurden anerkannte Experten an Bord eingeladen, um in einem „Symposium auf See“ diverse Lösungsansätze zu diskutieren. Unter der Leitung des Buchautoren und früheren Fernsehmoderators Franz Alt saßen u.a. in den Podiumsrunden: der Klimaforscher Mojib Latif, der Miterfinder des Cradle-to-Cradle-Konzepts Michael Braungart und der Journalist Klaus Liedtke. Mit ihm führte der PASSAGEN BLOG nach der Reise ein Interview.

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Türkis: Ein gestrandeter Eisberg und die EUROPA liegen vor Augpilagtoq, einem Fischerdorf im Prinz Christian Sund

Klaus_Liedtke©investigateHerr Liedtke, Sie sind einer der – so kann man wohl sagen – profiliertesten Journalisten Deutschlands, waren Chefredakteur diverser Zeitschriften, zuletzt der deutschen Ausgabe des Magazins “National Geographic”. In welcher Funktion waren Sie an Bord der EUROPA?

Anlässlich der Jubiläumsreise von Hamburg nach Montreal gab es ein spannendes Symposium auf See über Klimawandel und Energiewende. Ich war einer der Vortragenden.

Es waren angesehene Experten an Bord, es ging um ein wichtiges Thema. Aber wie wurde es von den Gästen aufgenommen, die ja eine Urlaubsreise gebucht haben und vielleicht gar nicht so offen sind für “Probleme”?

Das Interesse der Gäste hatte uns sehr überrascht. Wir sprachen vor „vollen Häusern“ und erlebten lebendige Diskussionen. Auch wenn das für die Gäste eine Urlaubsreise war: Die Realität unserer Welt wird ja nicht komplett ausgeblendet, und wenn man in so angenehmer, entspannter Atmosphäre Impulse bekommt, über gravierende Menschheitsprobleme und ihre Lösungen nachzudenken, das war den meisten doch sehr willkommen.

Bundeskanzlerin Merkel hat die Lösung des Klimawandels eine “Überlebensfrage der Menschheit” genannt. Nach all den Vorträgen und Debatten: Wie bewerten Sie nun den Stand der Dinge?

Es wird viel geredet und noch immer zu wenig getan. Nehmen Sie das Beispiel CO2. Wir wissen, dass diese Emissionen ein entscheidender Faktor bei der globalen Erwärmung sind. Aber noch immer steigt jedes Jahr weltweit der CO2-Ausstoß. Wenn wir diesen Trend nicht bald umkehren, werden wir mehr als die zwei Grad Erwärmung bekommen, die uns jetzt schon ziemlich sicher sind. Da braucht es energisches Handeln der politisch Verantwortlichen – so wie wir es in Deutschland mit dem Ausstieg aus der Atomenergie schon einmal demonstriert haben. Wir kennen die Lösungen für unsere Probleme – wir müssen’s nur wagen.

Welcher der vorgetragenen Standpunkte hat Sie am meisten erschüttert?

Es erschüttert mich immer wieder zu sehen, welchen dramatischen Verlauf die Erwärmungskurven auf globalem Level genommen haben. Und mit welcher Geschwindigkeit zum Beispiel die Gletscher weltweit schmelzen – vor allem auch auf Grönland, wo wir gerade gewesen sind und ein paar phantastische Tage verlebt haben.

Welcher der vorgetragenen Standpunkte hat Sie am ehesten positiv überrascht?

Die Experten an Bord haben in ihren Vorträgen sehr deutlich gezeigt, dass es Lösungen gibt, und dass ihre Umsetzung zwar momentan teurer sein mag als das Beibehalten der gegenwärtigen Verhältnisse. Aber langfristig ist zum Beispiel die Energiewende, der Gebrauch von regenerativen Ressourcen, so entscheidend viel billiger als alles andere. Wie Franz Alt sagt: Die Sonne schickt uns keine Rechnung.

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Das Leuchten der Wälder: Indian Summer in der Eternity Bay des Saguenay Nationalparks von Quebec

Es gibt immer wieder “Experten”, die den Einfluss der Natur auf den Klimawandel herausstellen, demnach seien natürliche Buschfeuer und Vulkanausbrüche relevanter für die Erderwärmung als manche Folge der Industriealisierung. Welchen Stellenwert haben solche Argumente?

In der Erdgeschichte hat es zwar immer wieder Phasen der Erwärmung gegeben mit natürlichen Ursachen. Aber die Erwärmungsphase, die wir jetzt erleben, läuft schneller ab als all die Phasen zuvor. Und das ist eindeutig auf die Industrialisierung mit ihrem dramatischen Verbrauch an fossilen Brennstoffen zurückzuführen. Zwar wissen wir nicht genau, ob der menschengemachte Anteil am gegenwärtigen Klimawandel 70, 80 oder 90 Prozent ausmacht. Und natürlich tragen auch Vulkanausbrüche und Buschfeuer zur Erwärmung bei. Dass der sogenannte anthropogene Anteil aber den entscheidenden Antrieb gibt – darüber gibt es in der Wissenschaft einen klaren Konsens. Die „Klimaskeptiker“ sind in der Wissenschaft eine verschwindend kleine Minderheit.

Das Verhalten der Menschen, so heißt es, muss sich ändern. Hat diese Reise einen Einfluss auf Ihr Verhalten?

Ja. Das Erleben der grandiosen Landschaften auf dieser Reise – von den Geysiren Islands bis zu geradezu dramatischen Fjorden Grönlands – bestärkt mich in meinem Engagement zur Bewahrung des geologischen, aber auch des biologischen und kulturellen Erbes unseres Planeten. Wenn denn der Satz richtig ist, dass wir immer nur das schützen, was wir kennen und lieben, dann wünsche ich mir sehr, dass möglichst viele Menschen Reisen wie diese machen.

Eine Frage müssen wir stellen, auch wenn sie uns nicht leicht fällt: Ist ein Kreuzfahrtschiff der geeignete Ort für ein Thema wie bei diesem Symposium?

Aber ja doch! Die Reaktion der Gäste hat gezeigt, dass man sich mit dieser Themenstellung nicht belästigt fühlt sondern ganz im Gegenteil die Informationen begrüßt, die man hier aus erster Hand von sehr renommierten Experten bekommt. Und wenn solche Diskussionen am Ende dazu führen, dass sich die gesamte Kreuzfahrtindustrie zum Beispiel mit dem Thema Schweröl-Verbrauch beschäftigt und mit einer Speisekarte, auf der keine Fische mehr zu finden sind, die auf der roten Liste der gefährdeten Arten stehen, dann haben wir sogar einen Beitrag zur Nachhaltigkeit geliefert. Hapag-Lloyd Kreuzfahrten ist jedenfalls zu belobigen, ein solches Symposium auf die Agenda gesetzt zu haben. Da hat sich die EUROPA ein schönes Geschenk gemacht.

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